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Berichte von Mitgliedern

 


 

 

Anfang Dezember 1944 hatte ich 3 Wochen Genesungs-Urlaub. Nach etwa 2 Wochen bekam ich Rheuma. In unserem Dorf Kolpin waren auf dem Gut 50 russische Kriegsgefangene beschäftigt. Zur Bewachung waren 2  Soldaten abkommandiert, die sagten, geh` doch mal ins Lazarett. Im ehemaligen Gymnasium Nähe Bahnhof, wo noch 1943 Soldaten lagen, war mein Lazarett. Ich wurde gleich behandelt. Etwa 10 Tage vor Weihnachten sagte der Arzt, heute nachmittag alle Mann im Bett bleiben, wir bekommen hohen Besuch. Nach 14.00 Uhr kam die Frau Gräfin von Schliefen mit 2 Hausmädchen voller Körben, kleinen Päckchen und Gebäck herein. An unseren Betten hing immer eine Fiebertafel mit Namen. Als die Frau Gräfin meinen Namen las, fragte sie, ob ich denn ein Sohn von Gustav Kattner wäre, ich sagte, ja. Zu ihnen komme ich später. Wir lagen etwa mit 25 Mann im Saal. Sie kam dann und setzte sich auf die Bettkante, fragte, was ich habe und wo ich überall war. Sie wünschte uns ein schönes Weihnachtsfest. Am späten Nachmittag war immer nochmals Visite. Beim Hinausgehen verkündete der Arzt, 2 Soldaten aus diesem Saal seien für nächsten Sonnabend zur Gräfin nach Schliefenwalde eingeladen:  es sind der Obergefreite, ein Rheinländer und auf besonderen Wunsch der Gräfin, der Gefreite Kattner. Meldet euch morgen auf der Schreibstube.

Wir fuhren mit noch 2 anderen Kameraden Sonnabend nachmittag mit dem Zug bis Rakwitz. Von dort wurden wir mit der Kutsche abgeholt. Am Kaffeetisch bekam jeder eine Tischdame. Anschliessend gingen wir im Garten spazieren mit den Damen. Nach dem Abendessen haben wir Gesellschaftsspiele gemacht, es war sehr lustig. Um 22.00 Uhr gingen wir schlafen. Nach dem Frühstück durften wir wählen: ausruhen, Kutschfahrt oder das Gut besichtigen. Ich persönlich habe das Gut besichtigt. Der Rheinländer ist ausgeritten. Mittags gab es Hasenbraten! Wir hatten natürlich unser Koppel um. Die Gräfin bemerkte wohl, dass wir uns schwer taten, dann sagte sie, meine Herren, legen sie ruhig ihre Koppel ab. Wir haben nochmals Kaffee getrunken mit den Tischdamen. Dann fuhr die Kutsche vor und es ging zurück nach Wollstein. Am Sonnabend danach waren 4 Soldaten aus dem Lazarett Posen eingeladen, so war es schon immer. Die Gräfin hat schon früher arme Leute im weiten Umkreis zu Weihnachten mit Geschenken bedacht.

Ich durfte sonnabends und sonntags nach Hause fahren und hatte mein Fahrrad im Keller stehen. Es kam der schreckliche  Sonnabend  Ende Januar 1945. Ich ging in die Schreibstube, um mich abzumelden, da sagte der Spiess, du kannst heute nicht nach Hause fahren, wir brauchen dich. Gleich kommt ein Lazarettzug mit Schwerverwundeten, du musst ausladen helfen. Eine Stunde später ging es zum Güterbahnhof. Wir hatten noch einen Wagen zu entladen, es kam kein Sanitätswagen mehr, es war 16.00 Uhr. Ich wollte ins Lazarett, komme durch den Personenbahnhof. Es strömten mir  viele Leute, mit soviel Gepäck entgegen. Ich frage, was da los wäre. Ja weisst du denn nicht, der Russe ist bei Posen durchgebrochen, wir müssen fliehen. Ich kam zurück  ins Lazarett und wir mussten alle wieder einladen, die armen Jungs. Wir haben bis tief in die Nacht eingeladen, habe vielleicht 2 Stunden geschlafen. Um 6.00 Uhr bin ich runter, der Hauptfeldwebel sagte, am Nachmittag musst du wieder hier sein. Ich fuhr schnell nach Hause. Im Dorf war alles still, meine Leute schliefen noch, sagte, was los ist. Die Schwestern erklärten, wir haben einige Wagen fahren hören und wunderten uns schon. Ich lief zum Bürgermeisteramt, das war auf dem Gutshof. Der polnische Verwalter sagte mir, sein Herr hat gegen Mitternacht einen Anruf erhalten, er möchte das Dorf räumen lassen. Hat ihm reichlich Wirtschaftsgeld dagelassen, sich in seinen Sportwagen gesetzt und ist abgefahren. Ich rief die Polizei in Kirchdorf an, sie fragten gleich, was ihr seid noch da? So fuhr ich gleich los zu allen Deutschen mit dieser schrecklichen Nachricht. Wir packten und haben noch mal Mittag gegessen zusammen und dann fuhren sie ab. Ich versorgte noch mal das Vieh reichlich. Die Magd hatte den Sonntag frei und war Sonnabend schon weg, somit ging ich zum Gutsinspektor und bat ihn, sich um das Vieh zu kümmern. Er sagte gleich, dass er alles aufs Gut holen lassen wird. Ich fuhr dann zurück nach Wollstein. Auf halbem Wege kommen mir 5-6 Polen entgegen, sie sagten stoi, es waren keine aus unserem Dorf. Sie sagten, wir sollen nicht Stalin kommen lassen und liessen mich fahren. Unser Lazarett war auch schon geräumt. Nur eine Nachhut von 2 Mann war noch da und der Hauptfeldwebel hatte für mich einen Marschbefehl zur Genesungskompanie nach München dagelassen. Es war für mich das grosse Glück. Ich fuhr mit dem Rad Richtung Krossen. Die Strasse sehr glatt, an den vielen traurigen Wagen vorbei. Die Nüstern der Pferde voller Reif. Meine Beine wurden auch immer schwerer. In Krossen sah ich ein kleines Licht, hielt an und klopfte. Es war der Hausmeister der Schule. Er sagte, er hätte nur noch eine Schulbank frei. Ich nahm die, überall schliefen schon Leute. Der Hausmeister sagte, es ist der Arbeitsdienst von Teichrode. Als ich aufstand schliefen sie noch. Ich fuhr bis Topper, wo mein ältester Bruder Bahnhofsvorsteher war. Er hat mich in Lok eines Güterzuges verfrachtet, bis nach Berlin. Von dort konnte man mit den Zügen nach München fahren. Bin nach Wochen nochmal zum Einsatz gekommen: Am 8. Mai 1945 in Linz (Österreich), ins Gefangenenlager eines Klosters. Ich habe viele, viele Schutzengel gehabt.

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