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Kreis Wollstein

 


 

Die Geschichte der Stadt Rothenburg a.d. Obra hab ich bereits im Jahre 1987 recherchiert und im Jahrbuch 1988 veröffentlicht. Da wir im September nach Rothenburg a.d.Obra  zur Einweihung des Gedenksteines auf dem Friedhof fahren werden, will ich die Geschichte der Stadt noch einmal hier wiedergeben, da die Mehrheit das Jahrbuch von 1988 nicht mehr haben wird oder nicht hat. Ein neuer passender Artikel zu dieser Fahrt wäre  der Bau der Friedhofskapelle auf dem Friedhof von Rothenburg, doch die Unterlagen habe ich jetzt erst zufällig erhalten. Die
Zeit hierfür war zu kurz. Vielleicht schaffe ich es zum Herbst, bzw. vorab für die Fahrtteilnehmer im September 13 nach Rothenburg. Doch nun zur Stadtgeschichte:
 
Die Stadt Rothenburg an der Obra
An der Straße Wollstein – Grätz, ca. 6 km ostwärts von Wollstein, liegt der Ort Rothenburg a.d.Obra. Er wird im Jahre 1379 das erste Mal urkundlich erwähnt unter der Ortsbezeichnung Restaurzewo.

Das Dorf Restaurzewo hat, wie viele polnische Orte, die wechselnden Schicksale des Königreiches Polen hart gespürt. Während des nordischen Krieges (1700-1721) wurde der Ort gänzlich zerstört. Der Pest im Jahre 1709 fiel auch noch der letzte verbliebene Einwohner zum Opfer. Doch bereits neun Jahre nach der Pest konnte die katholische St. Katharinen-Kirche wieder erbaut werden. Nach den schweren Schicksalsschlägen des 18. Jahrhunderts erhielt Restaurzewo einen neuen Grundherren, der seinen Wohnsitz nicht mehr im herrschaftlichen Schloß zu Restaurzewo nahm, sondern im 4 km südlich gelegenen Goscieszyn.

Der zerstörte Ort Restaurzewo wurde allem Anschein nach an der alten Stelle nicht mehr aufgebaut, denn am 4.7.1746 wurde ein Privileg zur Ansiedlung einer Hauländerei für protestantische Kolonisten ausgefertigt. Diese Hauländerei entstand neben dem alten Dorfe Restaurzewo unter dem uns allen bekannten Namen Rostarzewo. Aus der Hauländerei entwickelte sich die Stadt Rostarzewo, die am 17.02. 1752 ihre Stadtrechte nach „Magdeburgischem Recht“ verliehen bekam. In dieser Zeit taucht bereits der Name Rothenburg auf, da die meisten Kolonisten aus Rothenburg/Schlesien gekommen sein sollen. Die Namensänderung in Rothenburg a.d.Obra hat der Magistrat der Stadt jedoch erst im Jahre 1897 beschlossen und beantragt. Diese Namensänderung wurde 1898 bestätigt und vollzogen.

Bereits bei der Gründung der Hauländerei gab der Grundherr von Restaurzewo, Mathias Malcewski, den protestantischen Bewohnern eine Hufe Land für einen Vorleser und Schulhalter. Im Jahre 1751 erlaubte er der evangelischen  Gemeinde den Bau eines hölzernen Schul- und gottesdienstlichen Gebäudes. In den Jahren 1756/57 wurde dieser Bau verwirklicht.

Die Stadtgründung brachte einen wirtschaftlichen Aufschwung. Insbesondere fallen in diesen Zeitraum die Entstehung der Zünfte. Im Jahre 1759 wurde die Tuchmacherzunft, 1760 die der Windmüller und im Jahre 1762 die Zunft der Schuhmacher gegründet. Die Gründung der Schneiderzunft fällt vermutlich auf Johanni 1759. Die Schützengilde konnte als Gründungsjahr 1758 verzeichnen.

Das noch vorhandene, unter Denkmalschutz stehende Rathaus auf dem Marktplatz hat die Stadt im Jahre 1768 errichtet. Im Kopf des Turmes entdeckte man um 1900 Schriftstücke, die über die Verhältnisse der Stadt und deren Bürger aus der Zeit des Baues (1768) Auskunft gaben.

Nach der Stadtgründung und der Zugehörigkeit ab 1793 zu Preußen, nahm die deutsche Bevölkerung zu, aber brachte ein Absinken der katholischen Bevölkerung (Polen) mit sich. Der kath. Gottesdienst wurde wegen der wenigen Gläubigen in der Stadt nur noch als Filialgottesdienst vom Pfarrer aus Goscieszyn abgehalten, bis er im Jahre 1815 ganz eingestellt wurde. Die kath. St. Katharinen-Kirche wurde, weil  es keine ausreichende kath. Gemeinde mehr gab, im Jahre 1825 abgetragen. Genau 100 Jahre später, im Jahre 1925, erhielt Rothenburg a.d.Obra  - jetzt wieder Rostarzewo, weil der Ort wieder in Polen lag und die polnisch- kath. Bevölkerung zunahm – eine neue kath. Kirche.

Die nach der Stadtgründung entstehende evangelische Kirchengemeinde hatte noch so manchen kirchlichen Streit auszutragen. Gehörten vom Umfeld der sich neu formierenden Gemeinde Teile nach Wollstein oder Rakwitz. Beide Kirchengemeinden wollten die Evangelischen in Rostarzewo und den umliegenden Dörfern nicht in die neue Selbständigkeit entlassen. Wie aus der Wollsteiner und Rakwitzer Kirchenchronik zu ersehen ist, waren es rein finanzielle Interessen beider Gemeinden. Der Pfarrer und auch die Gemeinde verloren Einnahmen. Der Streit wurde gerichtlich ausgetragen und die evangelische Gemeinde in Rostarzewo mit einer Geldstrafe belegt. Nach einer Aufzeichnung in der Wollsteiner Kirchenchronik, ist die Geldstrafe nie bezahlt worden. Das Urteil hatte den Erfolg, daß im Jahre 1785 ein eigenes Kirchspiel mit eigenem Prediger geschaffen wurde. Das Privileg zur Errichtung einer eigenen Kirche stellte der Grundherr im Jahre 1787 aus. Die hiernach erbaute Kirche erwies sich jedoch bald als zu klein. Die Gemeinde entschloß sich zum Neubau einer größeren, die am 06.06.1866 eingeweiht wurde.. Die alte Kirch wurde zum Pfarrhaus umgebaut.

Nach der 2. Teilung Polens im Jahre 1793 fiel Rostarzewo an Preußen. Bei der Übernahme in die preußische Verwaltung wies die Stadt 85 Feuerstellen (Wohnhäuser/Familien) auf. Von den Häusern waren 77 mit Holzschindeln und 8 mit Stroh gedeckt. Von 424 Einwohnern waren 16 katholischen, 333 evangelischen (deutsch) und 75 jüdischen Glaubens. Von den vorhandenen Straßen war nicht eine gepflastert. Angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage der Stadt wollte die preußische Verwaltung Rostarzewo zu einem Marktflecken umwandeln. Die Bürger sprachen sich bei einer durchgeführten Abstimmung mit 53 zu 31 Stimmen gegen die Aufgabe der Stadtrechte aus. Nur 1 Haushaltsvorstand nahm an der Abstimmung nicht teil.

Die Angliederung an Preußen wirkte sich vorteilhaft aus. Aber die bald folgende französische Zeit  verlangte von der Stadt und ihren Bürgern viele Opfer und ließ beide verarmen. Erst nach 1815 setzte der Aufschwung wieder ein.

Das 100 jährige Bestehen der Stadt im Jahre 1852 wurde gebührend gefeiert. Noch vorhandene Verpflichtungen seitens  der Stadt gegenüber dem Grundherrn wurden anläßlich der Hundertjahrfeier gelöst. Die Stadt erreichte ihre volle Selbständigkeit.

Der Ausgang des 1. Weltkrieges brachte für Rothenburg den Anschluß an Polen. Bis 06.01.1919 wurde Rothenburg verteidigt. Wollstein fiel bereits am 05.10.1919 in polnische Hand. Im Jahre 1905 gab es in Rothenburg 1.187 Einwohner. Hiervon waren 1.038 deutsche , 152 polnische und 3 jüdische Bewohner. Bei der polnischen Volkszählung im Jahre 1926 gab es in Rostarzewo/ Rothenburg1.019 Einwohner. Hiervon waren 685 deutsche, 334 polnische  Bürger und keine Juden. Bei der deutschen Einwohnererfassung im Oktober 1939 wohnten in Rothenburg:

308 Deutsche, 1 Jude, 513 Polen. Von 1905 bis 1939 hat der deutsche Anteil von 1.038 auf 308 abgenommen. Der polnische Anteil von 152 auf 513 zugenommen.

Aus steuerlichen Gründen verlor Rostarzewo/Rothenburg im Jahre 1926 unter dem polnischen Bürgermeister Fallach die Stadtrechte. Verwaltungsmäßig wurde Rothenburg nun dem Woyt aus Rakoniewice/Rakwitz unterstellt. Auch während des 2. Weltkrieges von 1939 – 1945 war für Rothenburg verwaltungsmäßig der Amtskommissar von Rakwitz-Land zuständig. Rothenburg hat seine kommunale Selbständigkeit nicht mehr erreicht.

Das Rathaus wurde bereits vor dem 1. Weltkrieg nicht mehr als Rathaus genutzt. Hier war eine Gastwirtschaft untergebracht. Der letzte deutsche Gastwirt Siebler mußte in den Jahren 1920/21 die Pachtung aufgeben. Der neue Pachtvertrag wurde mit einem Polen geschlossen.

So mancher von den alten Rothenburgern erinnert sich noch an die Zeit wo im ehemaligen Rathaus das Johannisfest (24.06.) gefeiert wurde. Ebenfalls feierte die Schützengilde am gleichen Tag das Schützenfest. Das letzte Schützenfest fand im Jahre 1939 statt, jedoch nicht am 24.06., sondern früher.

Die evangelische Kirche war von 1929-1935 ohne Pastor. Die Pastorenstelle verwaltete Pastor Schulz aus Rakwitz oder ein Vikar hat dieses Amt wahrgenommen. Im Jahre 1935 trat Pastor Wiegert seinen Dienst an. Als Soldat wird er seit 1944 vermißt. Die evangelische Kirche ist heute ein kath. Gotteshaus und das Altarbild, ein Geschenk der Königin von Preußen zur Einweihung der Kirche im Jahre 1866, befindet sich noch im Altar.

Die deutsche Schule konnte ihren Unterricht während der polnischen Zeit bis 1939 zweisprachig durchführen.

Wirtschaftlich wäre anzumerken, daß sich in Rothenburg vor dem 1 Weltkrieg 3 Ziegeleien befanden. Eine lag in der Gemarkung  Ziegelhauland (Nachbarort). In den Ziegeleien gingen 120 Personen ihrem Broterwerb nach. Im Jahre 1939 waren es nur noch zwei (Raschke und Matischak). Eine im  deutschen und eine im polnischen Besitz.

Der Januar 1945 brachte für die Deutschen aus Rothenburg a.d.Obra den Räumungsbefehl. So wie die Vorfahren im 18. Jahrhundert nach Restaurzewo kamen, haben die Nachkommen Rothenburg wieder verlassen: mit Pferd und Wagen. Doch im 18. Jahrhundert hatten sie ein Ziel, 1945 nur die Hoffnung, wieder nach Rothenburg zurückzukehren.

Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

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